Nach 30 Jahren gibt Wirtin Gertrud Pfeuffer den Kochlöffel im Forsthaus Aurora an die nächste Generation weiter
(mds) 30 Jahre lang bekochte sie Wanderer, Jäger, Radfahrer, Waldarbeiter und Urlauber; am Freitagabend schwang Gertrud Pfeuffer offiziell zum letzten Mal den Kochlöffel. Ihr Abschiedsessen für die 40 Gäste in der Schankstube des rund 500 Meter über Neustadt und dem Hafenlohrtal gelegenen Forsthaus Aurora: Wildschweinbraten – was sonst. Dafür ist die 60-Jährige weithin bekannt.
Nicht nur aus Neustadt und Umgebung, sondern auch aus Aschaffenburg, Würzburg und noch von weiter her kommen ihre Gäste, um sich ihre Spezialitäten Eier mit Speck, Wildbratwürste und Wildbret – aus dem fürstlichen Wald – schmecken zu lassen. Sie sei erblich vorbelastet, erzählt Gertrud Pfeuffer. Schon die Eltern führten eine Gastwirtschaft, den „Hirschen“ in Windheim. Mit 60 aber ist Schluss, hatte die Wirtin schon vor fünf Jahren beschlossen. Nun legte sie die gastronomische Zukunft des Forsthauses Aurora in die Hände von Sohn Stefan (38) und dessen Frau Sandra.
Nach einem Umbau soll die Gaststätte im Dezember wieder eröffnet werden. Die Öffnungszeiten werden sich zunächst wohl etwas ändern, denn das zweieinhalb Monate alte Töchterchen Henrike gibt zurzeit noch den Ton an im Forsthaus.
„Es waren 30 harte und schöne Jahre“, sagt Pfeuffer. Am 11. November 1978 sei sie mit ihrem Mann Karl-Heinz, der damals als Forstamtsleiter beim Fürst von Löwenstein arbeitete, und den beiden Söhnen Dirk und Stefan von Windheim hoch ins Forsthaus gezogen. Ihr Mann starb 2001. Gertrud Pfeuffer blieb oben auf dem Berg im ehemaligen Zaunwärterhaus des Fürsten, das 1936 umgebaut worden war und seither als Forsthaus genutzt wurde. Aurora ist eines von drei fürstlichen Häusern dieser Art in dem riesigen Waldgebiet zwischen Neustadt und Esselbach.
Nein, Angst habe sie keine im Wald, schüttelt die 60-Jährige den Kopf. „Man lebt hier sehr gut, hört die Bäume rauschen, hat Ruhe.“ „Und wenn die Nachbarn schmatzen, kann ich mit dem Gewehr kommen und schießen“, schmunzelt Sohn Stefan, der als Revierleiter den Wald der Gemeinde Neustadt betreut.
„„Ich hab rausgeschaut und zugesehen, wie sich die großen Bäume drehten. Da ist es mir anders geworden.“
Gertrud Pfeuffer erinnert sich an Orkan Wiebke am Forsthaus Aurora
Lustige Begebenheiten kann Gertrud Pfeuffer einige erzählen. Wie die von der Bundeswehrpatrouille, die mit Nachtsichtgeräten nachts um das Forsthaus schlich. Bewaffnet mit einem großen Handscheinwerfer ist sie vors Haus: „Wer issn do?“ Die Soldaten gaben freundlich Auskunft und bekamen am Morgen ein Frühstück und warmen Kaffee.
Nur als vor Jahren der Orkan Wiebke wütete, da wurde es auch ihr etwas mulmig zumute. „Ich hab rausgeschaut und zugesehen, wie sich die großen Bäume drehten. Da ist es mir schon anders geworden.“ „Und wir konnten nicht schlafen, weil die Mutter stundenlang im Haus rumgetigert ist“, ergänzt ihr Sohn. Wie viele Teller, Tassen und Besteck sie in den 30 Jahren gespült und abgetrocknet hat, wie viele Kuchen sie mit der Hand gerührt hat, das würde sie heute gerne wissen, lacht Gertrud Pfeuffer, denn: Bis vor fünf Jahren war noch alles Handarbeit im Forsthaus Aurora.
Zum Wäschewaschen und Bügeln musste der große Generator angeworfen werden und Licht gab es nur aus Gaslampen. Für die Wärme in der Gaststube sorgte der große Kachelofen und abends auf dem Weg ins Bett musste die Taschenlampe leuchten.
2003 stellte die Familie um auf eine neue Stromversorgung und kürzlich auch auf Solarenergie; den Kachelofen gibt es immer noch. Ansonsten hat sich nichts geändert im Forsthaus. Das Trinkwasser wird aus dem Brunnen gepumpt und gekocht auf dem Holzofen in der kleinen Küche.
Seit einem halben Jahr lebt die 60-jährige scheidende Wirtin mit ihrem Lebensgefährten Toni Schmitt überwiegend in Windheim. Es war ein Abschied in Raten vom Forsthaus Aurora. Dort ist ihre Hilfe in Zukunft sicher stets gern gesehen und Pfeuffer nickt wohlwollend: „Wenn sie mich brauchen, bin ich da.“
(MainPost, 3.11.2008)
Hintergrund: Forsthaus Aurora als Wanderziel
Das Forsthaus Aurora liegt in einem großen zusammenhängenden Waldgebiet zwischen Rechtenbach, Rodenbach, Neustadt und dem Hafenlohrtal. Es war früher das Zaunwärterhaus der Fürsten Löwenstein, um die Jagdgründe zu bewachen. Später lebten in dem Haus Förster, die sich um die Waldbewirtschaftung kümmerten. Seit dem ersten Umbau 1936 betrieben die jeweiligen Bewohner mehr oder weniger regelmäßig eine Schankklause.
Als Gertrud Pfeuffer am 1. Oktober 1978 mit ihrem 2001 verstorbenen Mann Karl-Heinz, der Forstamtsleiter war, die Schlüssel zum Forsthaus bekam, begann eine neue Zeitrechnung. Die Eheleute erweiterten den Wirtsraum, bauten den Kachelofen, richteten sich ein und bezogen das Anwesen, das einer Berghütte gleicht, am 11. November. Seitdem läuft die Bewirtung. Schließlich war Gertrud Pfeuffer die Tochter des Windheimer Hirschenwirts. Ihre beiden Söhne Stefan und Dirk wuchsen im Forsthaus Aurora auf.
Wanderer, Radfahrer und Waldarbeiter bekamen bei Gertrud Pfeuffer deftige Brotzeiten wie Eier mit Speck oder auch selbstgebackene Kuchen. Wild aus dem Wald des Fürsten Löwenstein galt als besondere Spezialität. Diese 30-jährige Tradition möchte Stefan Pfeuffer mit seiner Frau Sandra nun fortsetzen. (Main-Echo, 03.11.2008)
Der Margaretenhof, nur eine Dreiviertelstunde zu Fuß entfernt, auf halbem Wege von Wombach, ist seit ein paar Jahren nur noch ein privates Wochenend-Domizil für grossstädtische Mieter. In Aurora aber wird die Tradition mit den Pfeuffers weiterleben.
(von Roland Pleier/1996) |